Heimat vom 24. – 31.10.2009 – in stichworten

05/11/2009

kleines Fenster mit Gitter

ein schmales Bett
kein Schrank
kleiner Tisch mit Lebensspuren
Klappstühle an der Wand
Dusche über den Flur

Tee aus Milchkaffeeschalen
kein Plastikwasser
Essen von Thomas und M?, das glücklich macht
die Tischgesellschaft auch
immer Weißbrot, das den Hals reckt
mittags und abends Vin de Pays

Haare, die zu Berge stehen über dem scharfen Verstand einer gewichtigen Persönlichkeit
virtuelle und echte Gärtnerinnen
Fleisch gewordene alte Freundschaft
liebevolle Herzlichkeit mit klugem Kopf und technischem Know-how
schöne hilfsbereite Frau mit Hut und Geist
Heidegger liebendes sprudelndes Leben
mit spitzer Schere aus einem Foto von Paris ausgeschnittenes Vorwort von Klemperer
deutsche Französischlehrerin, die sich erzärtlicht
französische Deutschlehrerin, die vor Begeisterung glüht
amerikanischer Professor, einer von den 0,5 %
bunt schillernde persische Weisheit
rotgolden leuchtende Sprachkünstlerin
charmanter Fotograf mit großem Herz – Schultern, die sich heben, Hände, die nach oben weisen
Schieflagen Richtung Balance anstoßende Aufmerksamkeit
deutsches Lachen unter indischer Überschrift
Menschen der Umgebung
Musiklehrerin, die uns zum erklingen bringt
und Glücksfall le director

Synapsen, die begeistert Funken sprühen
in der Gruppe
und hinter Rechnern
Arbeit am Steinbruch Heimat
ohne etwas in Stein zu meißeln

Steinfalte

schaffa, schaffa Heimat baua

Raucherheimat im Hof

die schöne Seele – la belle âme
Gutmenschsyndrom
und Bösmensch
Toleranz als Duldung

geballte Kompetenz
konzentrierte Menschlichkeit
Lächeln in Augenwinkeln eingenistet
Herz, das jeden Morgen mit freudiger Erregung dem Tag entgegenschlägt
Leichtigkeit

Morgennebel

Morgennebel im Tal
afrikanischer Abendhimmel brennt über französischer Landschaft
Pappeln lodern wie Feuer
Bäume erröten ohne Scham
in Baumwipfeln glitzern Blätter wie Blattgold in der Sonne

Wanze

unterschiedliches Getier
prachtvolle Prachtwanzen
Hähne mit geschwollenem Kamm
Kaninchen und anderes im Cassoulet
Schnecken auf Eis im Supermarkt

Würdigung von Widerstand
Lauzas!

Kirchenausblick

Ein vollkommener Ort
église de Combs
Dona nobis pacem – Gib uns Frieden
steigt ins Chorgewölbe auf

Seidenfäden

verwobene Fäden von Lebensgeschichten
bunt wie Seide

Abendrot

Fahrt an glühendem Abendrot vorbei
in die Nacht hinein
um ein erleuchtetes Schloss

Kein Salsa und doch so viel Bewegung

Ich bereue nichts


etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

01/11/2009

Willkommenhimmel

Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung


Zweite Heimat

28/10/2009

hoehle

In Sicherheit sein
Die Tür schließen können
Alle Ansprüche aussperren

Nicht reden müssen
Keine Fragen beantworten müssen
Keine Fragen stellen
Und wenn doch, nur an mich selbst

Ungestört denken dürfen
Nachdenken und vordenken
Denken, ohne dass jemand durch diese Gedanken spaziert
sie nieder trampelt
ihre Spuren verwischt
oder sie in die Flucht schlägt

Ruhe finden
Alle Geräusche ausschließen
Die Störgeräusche von außen
und die in meinem Kopf

Stille genießen
oder Musik
die den Moment unterstreicht

Mich aufgehoben fühlen

Umgeben sein von meinen Farben
die das Auge streicheln
Bildern, die gut tun
Von dem, was mir etwas bedeutet
Meinen Büchern
in denen so viele Leben ruhen
in die ich eintauchen kann
wenn ich sie öffne

In Sicherheit


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