„die heimath blosz macht heimathlos“

08/11/2009

Heimat ist, soviel ist klar, nicht immer nur ein Ort, Heimat ist mehr als ein Ort. Heimat kann ein Noch-Nicht-Ort sein, vielleicht auch ein Noch-Nicht-Zustand. Manchmal scheint es, als sei Heimat ein Ort außerhalb der Orte, ein Nicht-Ort. Woher weiß man aber, wie ein Nicht-Ort aussieht? Die Vorstellung eines Nicht-Orts entsteht erst durch Gegenbilder. Man schaut sich um, sieht, wo man ist, sieht, wie es ist; diese Gesamtsituation kann aber keine „Heimat“ sein. Manchmal vielleicht schon oder für einige Augenblicke oder für eine Ewigkeit. Manchmal aber auch nicht. Die Heimat, wie man sie sich in so einem Moment wünscht, besteht gerade im genauen Gegenteil dessen, was man vorfindet. Also macht die Wirklichkeit die Heimat unsichtbar. Oder anders gesagt: hinter der Wirklichkeit versteckt sich die Heimat. Wenn man die Heimat denkt, wird die Wirklichkeit unsichtbar.

Die einzige Verbindung zwischen Realität und Heimat ist der denkende Mensch, der in der Wirklichkeit lebt und auf der Suche nach der Heimat ist. Der Raum zwischen Realität und Heimat ist ein Zwischenraum. In diesem Transitbereich treibt der Suchende auf einem „trunkenen Schiff“ (s.u.), respektive Narrenschiff, mit all den anderen Gotteslästerern, Ehebrechern, Säufern, Dieben, Glücksspielern, Müßiggängern und Gutmenschen. Aber das ist genial! Das ist nützlich und notwendig. Die Gesellschaft braucht ihren Spiegel, die Wirklichkeit braucht ihre Utopie, um sich selbst zu erkennen, sonst entsteht Paralysis. Was wir dabei aber nicht brauchen sind Moralpredigten. Die setzten selten etwas in Bewegung. Auch bei einer komplett semi-philosophischen Heimatsuche kann man etwas Spaß gebrauchen. Vielleicht wie ein Narr, der auf seinem Schiff sitzt und das Schlaraffenland sucht, der Glück hat, weil er Teil von beiden Welten ist. Einer, der die Freiheit des Narren besitzt, jene Weisheit, die nicht auf Vernunft basiert. Der Mensch, der Heimat sucht, kann also vorerst beruhigt sein, auch wenn er sie nicht findet. Gerade in seiner Suche und in seiner Vorstellung von dem Anderen, dem Optimaleren und dem Utopischen weist er sich und andere auf die Abweichung hin. Eigentlich beruhigend. Heimat ist, soviel ist klar, nicht immer nur ein Ort, Heimat ist mehr als ein Ort. Heimat ist Welt.


Petit abécédaire – Abecedarium

05/11/2009

Ma patrie de A à Z : choix très subjectif et non exhaustif

Heimat von A – Z – eine subjektive und nicht vollständige Zusammenstellung

A

amis, amitié, ambivalence (Zwiespältigkeit)

Angstfreier Raum (quiétude), Angenommensein,


B

bien-être, bruits familiers ou oubliés

Bindung, Beziehung

C

chaleur humaine (Warmherzigkeit) , contraintes, convivialité (das Gefühl des Wohlfühlens,  als Gast und als Gastgeber)

D

dialecte / Dialekt

E

enfance, environnement familier, espace géographique et temporel,

étroitesse d’esprit (Engstirnigkeit)enfermement (Gefühl von Eingeengtheit)

Ermutigung (soutien facile et inconditionnel)

Essen

Apfelpfannkuchen; Eier mit Senfsauce; porridge; “Verheiratete”; junge Kartoffeln mit Kümmel, dazu Gurkensalat; Ghorme Sabzi (kräuter, Fleisch und Reis); Griesbrei mit Zimt und Zucker; “cuban sandwich”; immenses plats de choucroute;

F

famille, familiarité, facilité, franchise

Freundschaften

G

généalogie, générations, goûts exprimés et reconnus

Geborgenheit, Gastfreundschaft,

Gerüche

Schulranzenleder; alte Rommeekarten; Lagerfeuer im Wald; Duft des Brotes und der Erde; Kuhstall; Heu und Stroh; lavande; ratatouille; Maische (gehopfte Gerste als Tierfutter); frisch gemähtes Gras, feu de bois dans la cuisinière et l’odeur de résine

Geräusche

le bruit des cloches et le ron-ron du réfrigérateur

Eisenbahn ! rattatatta, Tuckern der Schiffe auf dem Kanal; knatternde Mopeds; der Männer-Gesangsverein im Nachbarhaus; Tiere im und ums Haus und im Stall; Wind; Spinett;

H

habitation, habitudes

Heim, heimisch


I

identité, irrationalité, interdits

Irrationales, Identität


J

joie,

jargon/ Jargon

graouillotte (Feuerhaken), cramerosse (Schaumlöffel); sutrai (Souterrain); Blaffo (plafond); klar Schiff machen; von Pittchen bis Kläschen (von Pontius bis Pilatus); “moidl” für Mädchen statt des Vornamens; “Halla hop” für “Los geht’s”


K

Kontrolle; Kindheitseindrücke

L

langue

Lieder, Lebensqualität,

Lieblingsort (lieux de prédilection)


M

maison, mère

Muttersprache


N

naissance, se sentir bien dans son nid (Nestwärme), non-dit (das Unausgesprochene, das trotzdem als Regel gilt)

Nähe

O

odeurs, ordonné (Überschaubarkeit, die aber auch wenig Spontaneität zulässt)

Ordnung

P

pays, passé, père, plats, proximité (Nähe), parler (Familienjargon)

Prägung (empreinte ineffacable due aux valeurs et à la morale inculquée)

Q

qualité, quiétude (Geborgenheit)

R

racines (Wurzeln), régionalisme, retour, rue

Regionale Besonderheit, Rückkehr

S

sécurité (Sicherheitsgefühl, Geborgenheit), sources, souvenir

Sprache, soziale Kontrolle, Stärkung

T

tabous, traditions

Tabus

Sex und darüber reden,  Geheimnisse haben, Familieninternes nach außen tragen,

Traditionen


U

usages et coutumes

Urteile, Ungezwungenheit,  unvergesslich


V

valeurs (Werte, die uns prägen), vacances, vérités (unverrückbare Wahrheiten und Meinungen)

Verklärung, Vertrautheit, Verbundenheit, Vorfahren, Verwandtschaft,Vater(?)land

Verbote

Stillstand; an einem evangelischen Gottesdienst teilnehmen, wenn man katholisch ist, Papas Schreibtisch; schimpfen und sich streiten;

W

week-end

Warmherzigkeit, Wohlfühlen, Wurzeln

X

Y

yeux (die Augen der Mitmenschen und Familienangehörigen)

Z

zone (géographique ou temporelle)

Zuhause, Zwänge, Zwiespalt


Heimat en route – unterwegs

01/11/2009

Heimat en route – unterwegs

Zu Fuß, auf dem Rad,

in einem Auto, in der Bahn, einem Flugzeug oder einem Schiff

wäre mein Lieblingsort:

unterwegs.

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Durch die Bewegung erschienen immer neue Orte und Umgebungen,

die meine Sinne reizen.

Ich mag Neuland betreten und entdecken.

Auch als Metapher gültig. Berufliches Neuland betreten z.B.

Hauptsache in Bewegung bleiben, auch um mental nicht einzurosten.

Mich selbst in neuen Umgebungen und Situationen zu fordern,

Neues kennenlernen und erforschen. Das Ziel dieser Reise wäre möglichst nie anzukommen.

Heimat en passage.


etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

01/11/2009

Willkommenhimmel

Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung


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