Heimat : Zwischen Nähe und Enge

Mit dem Begriff Heimat taucht häufig das Wort Geborgenheit auf als Bestandteil dessen was der Wesenskern jenes Begriff ausmachen soll. Auf eine sehr natürliche (und verführerische) Art und Weise beinhaltet dieses Konzept die verlorengegangene, vertraute Welt der Kindheit, eine Welt der schützenden Familie, der sicheren konkreten und psychologischen Grenze der umliegenden Nachbarschaft und des sich stets wiederholenden Tagesablaufs mit bekannten Personen und eines relativ abgesicherten Ausgangs. Gerade diese festgefügten Alltagsstrukturen und geregelte Erwartungshorizonte tragen im wesentlichen dazu bei, dass junge Kinder über eine lange Zeitspanne ein Höchstmass an Vertrauen an ihrer Gemeinschaft und an sich selber gewinnen und befestigen können. Dadurch wird auch die Liebes- und Arbeitsfähigkeit gewöhnlich entwickelt und verstärkt. Im späteren Leben begegnet man gelegentlich Menschen, die meinen dieses „Heimat-Erlebnis“ nachtrauen zu müssen und dass kann man ja wohl gut verstehen, da häufig spielt sie eine Hauptrolle in dem langsamen Entwicklungsprozesses eines reifen Menschen. Es lässt sich mühelos behaupten: Wohl dem, der eine Heimat hat!

Andererseits, und dies wird manchem erst in einem späteren Lebensabschnitt völlig bewusst, dass die fast sehnsüchtig angepriesene Geborgenheit der Heimat zwangsläufig auch der teilweise ungewollt Aspekt der sozialen Kontrolle mit sich bringt, ja man könnte fast sagen, geradezu aufruft, denn die fürsorgliche Aufsichtspflicht verlangt gleichzeitig eine sorgfältige Beobachtungsinstanz, damit die Menschen nicht von den vorgesehenen Rollen- und Zielvorstellungen abweichen. Und da, gerade an diesem Punkt, wird aus Geborgenheit Zwang, aus Fürsorge Bevormundung, aus Gewohnheit Angst vor Neuem. Im schlimmsten Fall entsteht eine erstickende Atmosphäre, in der die geistig und physische Grenze jetzt zur Barriere der Weiterentwicklungsmöglichkeiten eines vorher zufriedene, heimattreue Menschen wird. Zunehmend verkommt demnach die Heimat zum Inbegriff des Status quo, wo neue Gedanken und Werte nur als störend und gefährlich angesehen und um jeden Preis abgewehrt werden. In dieser Situation wird Heimat lediglich zum starren Begriff, der öfters als Nährboden für fremdenfeindliche Ideologien fungiert.

Angesichts der Zeitlosigkeit des obengenannten Widerspruchs, der sich innerhalb des scheinbar einfachen Konzepts der Heimat, soll man vielleicht eine ausgewogene Lösung zum Problembereich Heimat suchen, bevor man sich auf peinlicher Weise auf einem wackligen Standpunkt stellt, indem man behauptet, die Heimat sei eindeutig als gut oder bös festzustellen. Stattdessen sollen wir auf das weite Entwicklungsspektrum hinschauen, das eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff mit sich bringt und das inhärente Spannungsverhältnis nicht nur anerkennt, sonder bejaht, als eine positive Entwicklungsperspektive für die Zukunft. Fazit: Heimat ist unverzichtbar, auch in der heutigen Welt. Es kommt darauf an, dieser Begriff neuem, zeitgemässem Inhalt zu versehen und ein Optimum an Inklusivität zu erlauben.

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